Zwischen Winter und Sommer – Wie ich mich selbst wiederfand
- Maurice Ghaedi Bardehei

- 1. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Mit 45 Jahren habe ich etwas gefunden, wonach ich wahrscheinlich mein ganzes Leben gesucht habe.
Mich selbst.
Das klingt zunächst einfach. Fast wie ein Satz aus einem Kalender. Doch wer sich wirklich einmal gefragt hat, wer er ist, wenn man ihm alles nimmt, weiß, wie tief diese Frage werden kann.
Wer bin ich ohne meinen Namen?
Wer bin ich ohne meinen Besitz?
Ohne meine Kleidung?
Ohne meine Geschichte?
Ohne die Rollen, die ich jeden Tag spiele?
In den vergangenen Jahren haben sich viele Dinge in meinem Leben verändert. Manche freiwillig, manche nicht. Einige Veränderungen kamen leise, andere trafen mich mit voller Wucht. Es gab Zeiten voller Zweifel, Schmerz und harter Lektionen. Momente, in denen ich dachte, das Universum wolle mich prüfen, bevor es mich weitergehen lässt.
Heute bin ich dankbar für jede einzelne davon.
Nicht weil sie angenehm waren. Sondern weil sie notwendig waren.
Während ich an meinem Roman arbeite und ein zweites Buch bereits darauf wartet, irgendwann weitererzählt zu werden, stellte sich mir immer wieder dieselbe Frage:
Wer bin ich wirklich?
Die Antwort fand ich nicht in Erfolgen, nicht in Besitz und auch nicht in den Erwartungen anderer Menschen.
Ich fand sie in den stillen Momenten.
Mit einer Tasse Tee.
Mit einem Notizbuch.
Mit Zeit.
Und irgendwann wurde mir klar:
In meinem Kern bin ich Liebe.
Ich bin Neugier.
Ich bin Fantasie.
Ich bin Mut.
Ich bin Interesse am Leben und an den Menschen.
Natürlich bin ich auch meine Fehler. Meine Unsicherheiten. Meine alten Muster. Doch ich erkenne sie heute schneller. Ich beobachte sie. Und ich lerne, sie zu überwinden.
Vor allem habe ich gelernt, mich selbst anzunehmen.
Nicht nur die schönen Teile.
Alles.
Und genau in dieser Zeit begann ich, die Natur anders zu betrachten.
Denn plötzlich fiel mir auf, dass sie uns ständig Geschichten erzählt.
Geschichten über Hoffnung.
Geschichten über Veränderung.
Geschichten über Neuanfänge.
Der Winter fragt nicht, ob wir bereit sind.
Er kommt.
Er nimmt Blätter von den Bäumen.
Er bringt Kälte.
Er bringt Dunkelheit.
Und manchmal erleben wir solche Winter auch in unserem Inneren.
Doch die Natur kennt eine Wahrheit, die wir Menschen oft vergessen:
Kein Winter bleibt für immer.
Irgendwann kommt der Frühling.
Manchmal leise.
Manchmal fast unbemerkt.
Und genau aus diesem Gedanken entstand mein Gedicht „Der Frühling“.
Es ist ein Gedicht über die Kraft des Neubeginns. Über die Erkenntnis, dass unter Schnee und kalten Steinen längst neues Leben wartet. Über die Erfahrung, dass Abschiede nicht immer zerstören, sondern manchmal befreien.
Für mich ist dieses Gedicht ein Symbol für einen Lebensabschnitt, den ich hinter mir gelassen habe.
Und wie in der Natur blieb es nicht beim Frühling.
Denn auf jeden Frühling folgt irgendwann der Sommer.
Der Sommer steht für mich nicht mehr für Neubeginn.
Er steht für Vertrauen.
Für Selbstvertrauen.
Für den Mut, nach vorne zu gehen.
Für die Erkenntnis, dass Rückschläge uns nicht aufhalten müssen.
Dass Narben nicht das Ende einer Geschichte sind, sondern oft ihr interessantester Teil.
Aus diesem Gefühl entstand mein Gedicht „Der Sommer“.
Es erzählt von einem Menschen, der gelernt hat, seinem eigenen Kompass zu vertrauen. Der verstanden hat, dass Pausen kein Versagen sind. Dass Ausruhen zum Wachsen dazugehört. Dass Glück nicht in den Händen anderer Menschen liegt, sondern in uns selbst entstehen darf.
Diese beiden Gedichte gehören für mich zusammen.
Der Frühling war das Erwachen.
Der Sommer ist das Aufbrechen.
Und vielleicht schreibe ich irgendwann auch den Herbst und den Winter.
Denn jede Jahreszeit hat ihre eigene Weisheit.
Was ich mit diesen Zeilen weitergeben möchte, ist nicht Perfektion.
Nicht Erfolg.
Nicht Selbstoptimierung.
Sondern Hoffnung.
Für alle Menschen, die gerade kämpfen.
Für alle, die sich verloren fühlen.
Für alle, die glauben, sie würden nie wieder Licht sehen.
Doch.
Es gibt eine Zeit danach.
Es gibt einen Frühling nach jedem Winter.
Und manchmal entdecken wir gerade in unseren schwersten Zeiten, wer wir wirklich sind.
Wenn wir lernen, Schmerz zu tragen, ohne unsere Liebe zu verlieren, werden wir stärker.
Wenn wir lernen, weiterzugehen, obwohl wir gefallen sind, wachsen wir.
Und wenn wir erkennen, dass Lernen immer wertvoller ist als Aufgeben, wird plötzlich wieder alles möglich.
Kommentare