top of page

Der Clown mein neues Werk

  • Autorenbild: Maurice Ghaedi Bardehei
    Maurice Ghaedi Bardehei
  • 23. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die sind verlässlich wie eine Straßenlaterne.

Sie leuchten.

Immer.


Man kommt nach Hause, sie sind da.

Man ruft an, sie gehen ran.

Man braucht etwas, sie helfen.

Und irgendwann hält man das für selbstverständlich.

Ich kann mit Ungerechtigkeit schlecht umgehen.

Eigentlich gar nicht.

Und nichts wirkt auf mich ungerechter als die stille Ausbeutung derer, die nie laut werden.

Die, die sich nicht beschweren.

Die, die vermitteln.

Die, die schlucken.


Wir bewundern sie sogar dafür.

„Er ist so angenehm.“

„Mit ihr gibt es nie Drama.“

„Die ist so reflektiert.“

„Der ist so stark.“


Man sagt das wie ein Kompliment.

Und merkt nicht, dass man gerade jemanden für seine Selbstzurücknahme lobt.


Der Clown ist für mich genau diese Figur.

Nicht der laute Zirkusclown.

Sondern der Stimmungsregler.

Der, der lacht, wenn es kippt.

Der, der schweigt, wenn es unbequem wird.


Wir lieben solche Menschen.

Weil sie uns entlasten.

Und weil sie uns entlasten, fragen wir nicht mehr nach.


Was mich in den letzten Wochen beschäftigt hat wirklich beschäftigt –ist eine unbequeme Beobachtung:

Es sind oft genau diese Menschen,die eines Tages fehlen.

Nicht die, bei denen es offensichtlich ist.

Nicht die, die täglich von ihrem Schmerz sprechen.

Nicht die, die laut verzweifeln.

Sondern die, die funktionieren.


Suizid hat häufig kein dramatisches Vorwort.

Er versteckt sich hinter Normalität.

Hinter Gewissenhaftigkeit.

Hinter einem gut gesetzten Lächeln.


Und danach heißt es:

„Das hätte doch niemand gedacht.“

„Er war doch immer so fröhlich.“

„Sie hat sich nie etwas anmerken lassen.“


Vielleicht, weil wir es bequem fanden, es nicht wissen zu müssen.

Ich habe mich zurückgezogen, weil ich dieses Thema nicht oberflächlich behandeln wollte.

Es ging mir nicht um ein Bild über einen Clown.

Es ging mir um ein Bild über Menschen, die sich selbst zu oft hinten anstellen.


Zuerst das Gedicht.

Es war schnell da. Fast zu schnell.

Dann habe ich es mit der Schreibmaschine abgeschrieben.

Ich liebe diese mechanische Ehrlichkeit.

Kein Rückgängig-Knopf. Kein Weichzeichner.

Du haust es rein. Es steht da.


Dieses Klacken zwingt zur Entscheidung.

Jeder Buchstabe hat Gewicht.


Danach der Chanson.

Text und Melodie forderten alles.

Es ist leicht, ein trauriges Lied zu schreiben.

Schwer ist es, eines zu schreiben, das nicht sentimental wird.

Ich wollte keine Betroffenheitsmusik.

Ich wollte Klarheit.


Die Stimme entstand bewusst. Ich habe lange daran gearbeitet, bis sie die richtige Distanz und zugleich Nähe hatte. Kein Pathos. Keine Selbstmitleidspur. Sondern Erzählung.


Und dann das Bild.

Acryl. Pigmente. Stifte. Ein wenig Öl.Schichten übereinander.Wie Rollen über einem Gesicht.

Ich habe nachts gemalt. Den Chanson immer wieder gehört.

Es gab Momente, da wurde es emotional.Nicht dramatisch. Eher ruhig und schwer.

Ein paar Menschen haben das Werk bereits gesehen.

Manche haben geweint.

Nicht, weil es so traurig wäre.

Sondern weil sie sich wiedererkannt haben.

Oder jemanden.


Das ist der Punkt.


Wir müssen aufhören, Menschen für ihre Funktion zu lieben.

Und anfangen, sie für ihre Verletzlichkeit auszuhalten.

Nicht jedes Lachen ist ein Beweis für Glück.

Manche sind eine Dienstleistung.

Der Clown ist kein Opfermythos.

Er ist eine Warnung.


Fragt früher.

Schaut länger hin.

Und hört auf zu glauben, dass der, der am ruhigsten wirkt, nichts braucht.

Manchmal geht einer leise.

Und niemand war zur rechten Zeit am richtigen Ort.




 
 
 

Kommentare


bottom of page