Niemand verlangt vom Bäcker kostenlose Brötchen
- Maurice Ghaedi Bardehei

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Zumindest hoffe ich das.
Ich möchte wirklich nicht in einer Gesellschaft leben, in der morgens jemand geschniegelt eine Bäckerei betritt, drei Brötchen, zwei Croissants und ein Stück Streuselkuchen bestellt und anschließend erklärt:
„Bezahlen würde ich ungern. Aber ich werde heute Abend meiner Tante von Ihnen erzählen.“
Der Bäcker würde vermutlich schweigen.
Nicht lange.
Nur gerade lange genug, um herauszufinden, ob er beleidigt wird oder an einer Sozialstudie teilnimmt.
Danach wäre das Gespräch vermutlich beendet.
Bei Künstlern läuft das anders.
Da heißt dieselbe Aussage plötzlich:
„Es wäre eine tolle Möglichkeit, sichtbar zu werden.“
Sichtbarkeit.
Ich liebe dieses Wort.
Es klingt fast romantisch.
Wie Sonnenaufgänge.
Oder frisch gemähtes Gras.
Leider hat mir mein Vermieter kürzlich mitgeteilt, dass Sichtbarkeit keine akzeptierte Zahlungsmethode ist.
Die Stromwerke sehen das übrigens genauso.
Ich habe gefragt.
Aus reiner Neugier.
Der Supermarkt ebenfalls.
Offenbar besteht dort weiterhin die altmodische Auffassung, Butter müsse mit Geld bezahlt werden.
Ich bot Reichweite an.
Die Kassiererin blieb hart.
Hotels reagieren ähnlich empfindlich.
Versuchen Sie einmal, ein Zimmer mit Wertschätzung zu bezahlen.
Die Rezeptionistin wird Sie ansehen wie einen Mann, der gerade versucht, einen Goldfisch als Reisepass zu benutzen.
Menschen behaupten gern, Kunst sei unbezahlbar.
Interessanterweise meinen sie damit selten, dass man mehr bezahlen sollte.
Ich bin Künstler.
Und offenbar existiert irgendwo die hartnäckige Vorstellung, dass wir ausschließlich von Inspiration leben.
Andere Menschen frühstücken Brötchen.
Wir atmen vermutlich Poesie.
Autos fahren bei uns mit Applaus.
Die Krankenversicherung wird mit guten Gedanken beglichen.
Und wenn man lange genug Gedichte schreibt, wächst irgendwann ein Sofa aus der Wohnzimmerwand.
Ich weiß nicht, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat.
Aber ich würde ihn gern kennenlernen.
Wahrscheinlich verdient er sehr gut damit.
Menschen sind faszinierend.
Vor allem in ihrer Fähigkeit, Berühmtheit mit Wert zu verwechseln.
Sobald ein Künstler einen bekannten Namen trägt, geschieht etwas Magisches.
Plötzlich gibt es Budgets.
Hotels.
Fahrer.
Verträge.
Ablaufpläne.
Ansprechpartner.
Technikproben.
Reservierungen.
Catering.
Menschen, deren einzige Aufgabe darin besteht, zu fragen, ob alles in Ordnung sei.
Der bekannte Künstler steigt aus dem Zug.
Jemand hält ein Schild mit seinem Namen hoch.
Das Hotel ist vorbereitet.
Der Fahrer wartet.
Die Technik funktioniert.
Die Garderobe ist eingerichtet.
Selbst das Mineralwasser scheint instruiert worden zu sein.
Der unbekannte Künstler erlebt dieselbe Veranstaltung häufig etwas anders.
Er bekommt keinen Fahrer.
Er bekommt die Frage:
„Du hast doch einen Führerschein, oder?“
Er bekommt kein Hotel.
Er bekommt Optimismus.
Er bekommt keinen Ablaufplan.
Er bekommt Vertrauen.
„Das besprechen wir dann vor Ort.“
Vor Ort.
Einer meiner Lieblingsorte.
Dort wohnen sämtliche Informationen, die vorher niemand hatte.
Es ist faszinierend.
Je kleiner das Honorar, desto größer wird erstaunlicherweise die Aufgabenbeschreibung.
Man engagiert einen Künstler.
Geliefert wird ein Projektbüro.
Ein Organisator.
Ein Fahrer.
Ein Fotograf.
Ein Moderator.
Ein Pressesprecher.
Ein Texter.
Ein Social-Media-Team.
Ein Krisenmanager.
Und irgendwo zwischen all diesen Tätigkeiten soll er dann noch die Kunst machen, wegen der man ihn ursprünglich kontaktiert hat.
Das gerät im Verlauf des Projekts allerdings häufig in Vergessenheit.
Besonders spannend finde ich, dass diese Logik ausschließlich bei Künstlern funktioniert.
Stellen Sie sich vor, Ihr Wasserrohr platzt.
Der Klempner kommt.
Arbeitet drei Stunden.
Rettet Ihr Badezimmer.
Und kurz bevor er geht, sagen Sie:
„Bezahlen würde ich ungern. Aber ich werde heute Abend begeistert von Ihnen erzählen.“
Der Mann würde vermutlich erneut das Rohr aufdrehen.
Nur aus pädagogischen Gründen.
Oder der Zahnarzt.
Zwei Stunden Wurzelbehandlung.
Sie stehen auf.
Ziehen die Jacke an.
Und erklären:
„Geld habe ich keines dabei. Aber Sie bekommen Sichtbarkeit.“
Ich vermute, die Behandlung würde unmittelbar fortgesetzt.
Ohne Betäubung.
Niemand würde seinen Steuerberater fragen, ob er die Steuererklärung gratis machen könne.
Aus Leidenschaft.
Niemand würde den Elektriker bitten, nach der Reparatur noch schnell die Wohnzimmerwand zu streichen.
Niemand würde dem Maurer erklären, dass er statt Geld ja auch Dankbarkeit bekommen könne.
Nur Künstler scheinen einer Berufsgruppe anzugehören, deren Zeit für viele Menschen eine Art öffentlicher Park ist.
Jeder darf hinein.
Jeder darf etwas mitnehmen.
Und niemand fühlt sich zuständig.
Das wirklich Interessante beginnt jedoch dort, wo Großzügigkeit ins Spiel kommt.
Künstler haben nämlich einen Fehler.
Sie mögen ihre Arbeit.
Ein verhängnisvoller Umstand.
Denn sobald Menschen erfahren, dass jemand etwas gern macht, entsteht bei einigen sofort der Verdacht, er würde es wahrscheinlich auch kostenlos tun.
Leidenschaft wird erstaunlich oft mit Verfügbarkeit verwechselt.
Und Verfügbarkeit wiederum mit Wertlosigkeit.
Großzügigkeit ist überhaupt ein merkwürdiges Konzept.
Ich habe lange geglaubt, sie sei eine Investition.
Heute glaube ich, sie funktioniert eher wie kostenloses WLAN.
Anfangs freuen sich alle.
Wenig später halten sie es für selbstverständlich.
Und irgendwann beschwert sich jemand über die Geschwindigkeit.
Menschen behandeln kostenlose Leistungen ein wenig wie Hotelhandtücher.
Anfangs wissen sie, dass sie ihnen nicht gehören.
Später entwickeln sie andere Theorien.
Irgendwann kommt dann der Moment, in dem ein Künstler für all die zusätzlichen Aufgaben tatsächlich eine Rechnung schreibt.
Nicht für die vereinbarte Arbeit.
Für die zusätzliche.
Für die spontane.
Für die ungeplante.
Für all die kleinen „Kannst du mal eben …“, die sich über Wochen und Monate angesammelt haben.
In diesem Augenblick verändert sich der Gesichtsausdruck des Gegenübers schlagartig.
Man wird angesehen, als hätte man gerade versucht, die Großmutter des Auftraggebers auszurauben.
Plötzlich herrscht Empörung.
Fassungslosigkeit.
Verletztes Erstaunen.
Dabei hat man lediglich den radikalen Vorschlag gemacht, dass Arbeit bezahlt werden sollte.
Eine Position, die außerhalb der Kunstwelt erstaunlich populär ist.
Die Ironie daran?
Die Menschen, die jeden Euro mit einem unbekannten Künstler diskutieren, bezahlen später ohne zu blinzeln das Zehnfache für dieselbe Leistung.
Sobald ein Preis gewonnen wurde.
Sobald ein Fernsehauftritt stattgefunden hat.
Sobald genügend andere Menschen bestätigt haben, dass dieser Künstler offenbar etwas wert ist.
Der Künstler selbst hat sich dabei oft kaum verändert.
Seine Arbeit ebenfalls nicht.
Nur die Rechnung.
Offenbar besitzt sie magische Kräfte.
Ich beobachte Menschen beruflich.
Leider.
Und je länger ich das tue, desto häufiger komme ich zu derselben Erkenntnis:
Die meisten Menschen haben gar kein Problem mit Kunst.
Sie haben ein Problem damit, den Wert von Arbeit zu erkennen, solange diese Arbeit mit Leidenschaft gemacht wird.
Vielleicht sollten Künstler aufhören, von ihrer Leidenschaft zu sprechen.
Vielleicht sollten wir alle behaupten, wir seien Rohrreiniger.
Ich vermute, die Rabattanfragen würden schlagartig zurückgehen.
Denn eines habe ich gelernt:
Menschen respektieren Kunst oft erst dann, wenn jemand anderes sie teuer genug gemacht hat.
Bis dahin erhält man Sichtbarkeit.
Und wie wir inzwischen wissen, kann man davon nicht einmal Butter kaufen.
Geschweige denn ein Sofa, das nicht zufällig aus der Wand gewachsen ist.



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