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Was machen wir eigentlich miteinander?

  • Autorenbild: Maurice Ghaedi Bardehei
    Maurice Ghaedi Bardehei
  • vor 6 Tagen
  • 9 Min. Lesezeit

Über eine Wahl, über Wut, über Einsamkeit und darüber, was uns vielleicht verloren gegangen ist


In ein paar Wochen wird wieder gewählt.

Und natürlich werden wir bis dahin noch sehr viel darüber hören, wer dieses Land retten möchte, wer es angeblich zerstören will, wer an allem schuld ist und wer endlich wieder Ordnung schaffen möchte.

Wir werden Talkshows sehen. Podcasts hören. Wahlplakate anschauen. Menschen werden sich gegenseitig erklären, warum sie endlich verstanden haben, was mit diesem Land nicht stimmt.

Und wahrscheinlich werden wir uns dabei wieder ziemlich sicher sein.

Die einen wissen, dass die anderen das Problem sind.

Die anderen wissen es natürlich auch.

Und irgendwo dazwischen sitzt der Mensch, der morgens zur Arbeit fährt, seine Miete bezahlt, seine Kinder versorgt, versucht, irgendwie durch den Monat zu kommen und sich vielleicht irgendwann fragt:

Wann eigentlich hat jemand aufgehört, mich zu fragen, wie es mir geht?


Ich habe in letzter Zeit einen Podcast gehört, in dem es unter anderem um genau diese Menschen ging. Um Menschen aus dem unteren Bereich der Mittelschicht. Um Menschen, die das Gefühl haben, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Um Menschen, die sich Sorgen machen, wütend sind, Angst vor dem sozialen Abstieg haben oder einfach nur das Gefühl bekommen, dass ihre Lebenswirklichkeit in der öffentlichen Debatte nicht mehr vorkommt.

Und während ich zuhörte, musste ich an etwas denken.

Vielleicht ist eines unserer Probleme gar nicht zuerst politischer Natur.

Vielleicht ist unser Problem menschlicher.

Denn wir sprechen unglaublich viel darüber, was Menschen denken.

Aber immer weniger darüber, was Menschen fühlen.

Und vielleicht sollten wir damit anfangen.


Wir reden über die Menschen – aber reden wir noch mit ihnen?

Ich finde es grundsätzlich richtig, dass Menschen öffentlich über gesellschaftliche Probleme sprechen.

Natürlich.

Politik ist wichtig.

Politik entscheidet über Wohnungen, Bildung, Arbeit, Steuern, Migration, Infrastruktur, Gesundheit, Renten, Sicherheit und darüber, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen.

Natürlich müssen wir darüber reden.

Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir inzwischen so sehr über Politik sprechen, dass wir den Menschen dahinter vergessen haben.

Wir sprechen über die „Abgehängten“.

Über die „Wutbürger“.

Über die „Eliten“.

Über die „Linken“.

Über die „Rechten“.

Über die „Normalen“.

Über die „Bessergestellten“.

Über die „Migranten“.

Über die „Gutmenschen“.

Über die „Konservativen“.

Über die „Unzufriedenen“.

Und irgendwann wird aus einem Menschen ein Begriff.

Ein Milieu.

Eine Zielgruppe.

Eine Wählergruppe.

Eine Statistik.

Eine Schlagzeile.

Aber vielleicht sitzt hinter jedem dieser Begriffe noch immer ein Mensch.

Einer, der morgens aufsteht.

Einer, der manchmal Angst hat.

Einer, der sich verliebt.

Einer, der nachts nicht schlafen kann.

Einer, der seine Kinder liebt.

Einer, der sich schämt, weil er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.

Einer, der wütend ist.

Einer, der sich einsam fühlt.

Einer, der einfach einmal hören möchte:

„Ich sehe dich.“

Und vielleicht ist genau dieses Gefühl des Nichtgesehenwerdens eines der größten politischen Probleme unserer Zeit.


Die alten Parteien haben Fehler gemacht

Ich glaube nicht, dass man über die heutige Situation sprechen kann, ohne auch über die Parteien zu sprechen, die unser Land über Jahrzehnte geprägt haben.

Die sogenannten etablierten Parteien haben vieles aufgebaut.

Sie haben dieses Land mitgestaltet.

Sie haben Entscheidungen getroffen, die richtig waren, und Entscheidungen getroffen, die falsch waren.

Und sie haben Fehler gemacht.

Manche Fehler waren klein.

Andere waren groß.

Manche wurden zu spät erkannt.

Manche wurden vielleicht überhaupt nicht erkannt.

Und ich glaube, es wäre falsch, so zu tun, als hätte die politische Unzufriedenheit der Menschen einfach aus dem Nichts heraus begonnen.

Sie hat Gründe.

Menschen werden nicht plötzlich wütend, weil ihnen eines Morgens langweilig ist.

Sie werden wütend, wenn sie über Jahre das Gefühl bekommen, dass ihre Sorgen nicht ernst genommen werden.

Wenn Wohnen immer teurer wird.

Wenn das Gefühl entsteht, dass Leistung nicht mehr ausreicht.

Wenn man sich fragt, warum man eigentlich jeden Morgen aufsteht, wenn am Ende des Monats trotzdem kaum etwas übrig bleibt.

Wenn man das Gefühl bekommt, dass andere über das eigene Leben sprechen, ohne zu wissen, wie es sich anfühlt.

Und wenn man immer wieder hört:

„Es geht uns doch gut.“

obwohl man selbst gerade nicht weiß, wie man den nächsten Monat schaffen soll.

Dann entsteht etwas.

Nicht unbedingt sofort Wut.

Manchmal zuerst Enttäuschung.

Dann Frustration.

Dann Rückzug.

Und irgendwann vielleicht Wut.


Aber eine Erklärung ist noch keine Entschuldigung

Und genau hier wird es kompliziert.

Denn aus dieser Unzufriedenheit heraus ist eine politische Kraft groß geworden, die sich selbst als Alternative zu den etablierten Parteien versteht.

Die AfD.

Und ich glaube, man muss zwei Dinge gleichzeitig sagen können.

Erstens:

Die Unzufriedenheit vieler Menschen ist real.

Und zweitens:

Nicht jede Antwort auf diese Unzufriedenheit ist deshalb richtig.

Das eine darf das andere nicht auslöschen.

Ich halte es für einen Fehler, Menschen, die aus Enttäuschung oder Protest AfD wählen, einfach als dumm, böse oder ungebildet abzustempeln.

Damit macht man es sich zu leicht.

Denn wenn wir Menschen beschimpfen, die sich nicht mehr gehört fühlen, dann bestätigen wir möglicherweise genau das Gefühl, das sie überhaupt erst dorthin geführt hat.

Aber genauso falsch wäre es, jede politische Antwort, die aus dieser Wut entsteht, automatisch für richtig zu halten.

Auch die AfD kann mit Ängsten arbeiten.

Auch sie kann vereinfachen.

Auch sie kann Menschen gegeneinander stellen.

Auch sie kann aus einem komplizierten Problem eine einfache Geschichte machen.

Und genau deshalb müssen wir genauer hinsehen.

Nicht nur auf die Partei.

Sondern auf das Bedürfnis dahinter.

Denn manchmal ist der gefährlichste Satz einer Gesellschaft nicht:

„Ich bin unzufrieden.“

Sondern:

„Endlich sagt jemand, wer schuld ist.“

Denn Schuld ist ein unglaublich einfaches Gefühl.

Es gibt einem Orientierung.

Es gibt einem einen Gegner.

Und plötzlich wird aus der eigenen Unsicherheit eine scheinbare Gewissheit.


Das Internet hat uns allen ein Mikrofon gegeben

Und dann ist da noch etwas passiert, das unsere Gesellschaft wahrscheinlich stärker verändert hat, als wir bisher begreifen.

Wir haben alle ein Mikrofon bekommen.

Früher konnte nicht jeder seine Meinung öffentlich verbreiten.

Man brauchte eine Zeitung.

Einen Fernsehsender.

Ein Radio.

Einen Verlag.

Eine Bühne.

Heute reicht ein Smartphone.

Ein Video.

Ein Satz.

Ein Beitrag.

Ein Livestream.

Und plötzlich kann jeder Mensch theoretisch Millionen erreichen.

Das ist zunächst etwas Fantastisches.

Demokratischer geht es kaum.

Der Mensch, der früher am Stammtisch saß und von niemandem gehört wurde, kann heute öffentlich sprechen.

Der Mensch, der sich von Politik und Medien nicht vertreten fühlt, kann selbst erzählen, was er erlebt.

Menschen, die früher unsichtbar waren, können sichtbar werden.

Das ist eine große Errungenschaft.

Aber auch diese Freiheit hat eine Schattenseite.

Denn Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Wahrheit.

Reichweite ist nicht dasselbe wie Wissen.

Und ein Video mit einer Million Aufrufen ist nicht automatisch richtiger als ein Gedanke, den drei Menschen miteinander diskutieren.

Wir haben eine Welt geschaffen, in der jeder seine Wahrheit öffentlich machen kann.

Und irgendwann haben wir vergessen, dass Wahrheit und Wahrnehmung nicht dasselbe sind.


Jeder kann heute seine eigene Wirklichkeit bauen

Das Internet ist ein seltsamer Ort.

Man kann dort Menschen finden, die genau das denken, was man selbst denkt.

Wenn man sich einsam fühlt, findet man Gleichgesinnte.

Wenn man wütend ist, findet man andere Wütende.

Wenn man Angst hat, findet man andere, die dieselbe Angst haben.

Wenn man überzeugt ist, dass alle anderen verrückt geworden sind, findet man innerhalb von fünf Minuten zehntausend Menschen, die das bestätigen.

Und plötzlich fühlt man sich nicht mehr allein.

Das ist zunächst schön.

Vielleicht sogar notwendig.

Der Mensch braucht Gemeinschaft.

Aber dann passiert etwas Merkwürdiges.

Man begegnet jemandem, der anders denkt.

Und anstatt zu sagen:

„Interessant. Warum denkst du das?“

sagen wir:

„Du bist einer von denen.“

Und damit ist das Gespräch eigentlich schon beendet.


Wir haben unsere Gemeinschaften digitalisiert

Vielleicht ist das eine der größten Veränderungen unserer Zeit.

Wir können heute Freunde haben, die hunderte oder tausende Kilometer entfernt leben.

Wir können Menschen kennenlernen, die wir niemals persönlich treffen würden.

Wir können uns mit Künstlern, Philosophen, Aktivisten, Politikern und Menschen aus völlig anderen Kulturen austauschen.

Das ist wunderbar.

Aber ein digitaler Freund ist nicht automatisch ein Nachbar.

Wenn nachts um drei Uhr deine Heizung ausfällt, kommt dein Instagram-Follower aus Hamburg nicht mit einem Werkzeug vorbei.

Wenn du Mehl brauchst, weil du einen Kuchen backen möchtest, kannst du natürlich eine Nachricht in eine Gruppe schreiben.

Aber vielleicht wäre es einfacher, bei deinem Nachbarn zu klingeln.

Und genau da beginnt meine eigentliche Frage.

Kennen wir unsere Nachbarn noch?


Vielleicht wohnt das Problem drei Türen weiter

Vielleicht wohnt neben dir ein Mensch, der komplett anders wählt als du.

Vielleicht fährt er ein Auto, das du schrecklich findest.

Vielleicht trägt er eine gelbe Regenjacke.

Vielleicht hört er Musik, die du nicht ausstehen kannst.

Vielleicht hat er politische Ansichten, bei denen du mit dem Kopf schüttelst.

Vielleicht ist er konservativ.

Vielleicht ist er links.

Vielleicht ist er überhaupt nichts davon.

Und vielleicht hast du ihn trotzdem schon längst in eine Schublade gesteckt.

Du hast sein Auto gesehen.

Seine Kleidung.

Seine Fahne.

Seine Frisur.

Seine Aufkleber.

Und dein Gehirn hat daraus eine Geschichte gemacht.

„Der ist so einer.“

Aber wer ist dieser Mensch wirklich?

Vielleicht hat er Angst um seine Arbeit.

Vielleicht pflegt er seine Mutter.

Vielleicht hat er ein Kind, das krank ist.

Vielleicht hat er gerade seine Frau verloren.

Vielleicht schreibt er nachts Gedichte.

Vielleicht hat er einfach nur Angst vor der Zukunft.

Vielleicht ist er genauso einsam wie du.

Wir wissen es nicht.

Denn wir haben aufgehört, miteinander zu reden.


Was bedeutet eigentlich menschlich?

Ich komme immer wieder zu dieser Frage zurück.

Was bedeutet menschlich?

Wir reden ständig von Menschlichkeit.

Aber was meinen wir damit eigentlich?

Wir sind lebende Wesen.

Wir sind liebende Wesen.

Wir sind denkende Wesen.

Wir sind widersprüchliche Wesen.

Wir können gleichzeitig recht haben und uns irren.

Wir können jemanden lieben und trotzdem nicht verstehen.

Wir können wütend sein und trotzdem Mitgefühl besitzen.

Wir können anderer Meinung sein und trotzdem nebeneinander sitzen.

Das ist menschlich.

Vielleicht sogar genau das.

Doch irgendwo auf unserem Weg haben wir angefangen zu glauben, dass Menschlichkeit bedeutet, dass alle dieselbe Haltung haben müssen.

Dasselbe denken.

Dieselben Wörter benutzen.

Dieselben Dinge gut finden.

Dieselben Dinge ablehnen.

Dasselbe wählen.

Aber wenn wir alle gleich denken müssten, bräuchten wir keine Gesellschaft.

Dann hätten wir einen Chor.

Eine Gesellschaft dagegen ist etwas anderes.

Sie ist ein Raum, in dem unterschiedliche Menschen miteinander leben müssen.

Und das bedeutet zwangsläufig:

Es wird unbequem.


Wir brauchen den anderen

Ich glaube, wir brauchen Menschen, die anders sind als wir.

Nicht trotz ihrer Unterschiede.

Sondern auch wegen ihnen.

Denn wie soll ich lernen, wenn mir niemand widerspricht?

Wie soll ich meine Meinung überprüfen, wenn mir niemand sagt:

„Ich sehe das anders.“

Wie soll ich Verständnis entwickeln, wenn ich immer nur mit Menschen spreche, die mich bestätigen?

Vielleicht brauchen wir nicht weniger Widerspruch.

Vielleicht brauchen wir besseren Widerspruch.

Einen Widerspruch, der nicht vernichten will.

Einen Widerspruch, der nicht sagt:

„Du bist ein schlechter Mensch.“

Sondern:

„Ich glaube, du liegst falsch. Aber erzähl mir, warum du das denkst.“

Das ist ein gewaltiger Unterschied.


Was haben wir verloren?

Vielleicht haben wir Gemeinsamkeiten verloren.

Vielleicht Kompromissbereitschaft.

Vielleicht Geduld.

Vielleicht Verständnis.

Vielleicht Fantasie.

Und vielleicht sogar die Fähigkeit, auszuhalten, dass eine Sache nicht sofort gelöst werden kann.

Wir wollen Antworten.

Schnelle Antworten.

Einfache Antworten.

Schuldige.

Helden.

Bösewichte.

Aber das menschliche Leben ist selten so ordentlich.

Ein Mensch ist kein Kommentar unter einem Instagram-Post.

Ein Mensch passt nicht in 280 Zeichen.

Eine Gesellschaft schon gar nicht.


Vielleicht ist Fantasie politischer, als wir denken

Ich glaube sogar, dass Fantasie etwas Politisches sein kann.

Denn ohne Fantasie können wir uns keine andere Zukunft vorstellen.

Wenn ich mir nur vorstellen kann, dass alles immer schlimmer wird, dann werde ich irgendwann zynisch.

Wenn ich mir nur vorstellen kann, dass die anderen schuld sind, brauche ich keinen Dialog mehr.

Wenn ich mir aber vorstellen kann, dass ein Mensch anders sein kann, als ich ihn eingeschätzt habe, entsteht etwas.

Möglichkeit.

Und vielleicht ist genau das etwas, das wir wieder brauchen:

die Möglichkeit, uns gegenseitig anders vorzustellen.

Nicht als Feind.

Nicht als Wählergruppe.

Nicht als Problem.

Sondern als Mensch.


In ein paar Wochen wählen wir

Und natürlich sollten wir wählen.

Wir sollten uns informieren.

Wir sollten diskutieren.

Wir sollten politische Entscheidungen ernst nehmen.

Wir sollten auch widersprechen.

Demokratie ist keine Kuscheldecke.

Sie darf laut sein.

Sie darf unbequem sein.

Sie darf streiten.

Aber vielleicht sollten wir uns vor der Wahl noch eine andere Frage stellen.

Nicht nur:

„Was wähle ich?“

Sondern:

„Was mache ich mit dem Menschen, der etwas anderes wählt als ich?“

Denn am Tag nach der Wahl ist der andere immer noch da.

Der Nachbar.

Die Kollegin.

Der Bruder.

Die Freundin.

Der Mensch im Supermarkt.

Der Mann mit der gelben Regenjacke.

Wir werden weiterhin dieselben Straßen benutzen.

Dieselben Schulen.

Dieselben Krankenhäuser.

Dieselben Parks.

Dieselben Züge.

Wir werden weiterhin voneinander abhängig sein.

Und vielleicht sollten wir uns daran erinnern.


Wir müssen nicht wieder einer Meinung sein

Ich glaube nicht, dass wir alle wieder dieselbe Meinung haben müssen.

Vielleicht wäre das sogar gefährlich.

Ich wünsche mir etwas anderes.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Unterschiede aushalten kann.

Eine Gesellschaft, in der ich sagen darf:

„Ich sehe das vollkommen anders als du.“

und trotzdem:

„Komm, wir trinken einen Kaffee.“

Eine Gesellschaft, in der ich meinem Nachbarn helfen kann, obwohl ich seine politische Meinung nicht teile.

Eine Gesellschaft, in der ich jemanden nicht sofort aus meinem Leben streiche, weil er einen Satz gesagt hat, den ich falsch finde.

Eine Gesellschaft, in der wir wieder lernen, zwischen einem Menschen und seiner Meinung zu unterscheiden.

Denn eine Meinung kann falsch sein.

Ein Mensch ist deshalb nicht automatisch wertlos.

Und vielleicht ist genau dort der Anfang.


Vielleicht sollten wir wieder anfangen

Vielleicht sollten wir wieder öfter klingeln.

Nicht bei einer Partei.

Nicht bei einem Algorithmus.

Nicht bei einer Kommentarspalte.

Sondern beim Nachbarn.

Vielleicht sollten wir fragen:

„Wie geht es dir eigentlich?“

Und dann die Antwort aushalten.

Vielleicht sollten wir wieder gemeinsam essen.

Uns streiten.

Lachen.

Uns irren.

Uns entschuldigen.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass ein Mensch nicht deshalb unser Gegner ist, weil er anders denkt.

Vielleicht sollten wir wieder verstehen, dass eine Gesellschaft nicht daraus besteht, dass alle dieselbe Meinung haben.

Sondern daraus, dass unterschiedliche Menschen trotzdem miteinander leben wollen.

In ein paar Wochen machen wir unser Kreuz.

Jeder an einer anderen Stelle.

Vielleicht.

Aber danach stehen wir wieder auf.

Gehen nach Hause.

Steigen in die Bahn.

Gehen zur Arbeit.

Kaufen Brot.

Bringen die Kinder zur Schule.

Grüßen vielleicht jemanden im Treppenhaus.

Und dort beginnt die eigentliche Demokratie.

Nicht auf dem Wahlzettel.

Sondern am nächsten Morgen.

Mit dem Menschen neben uns.

Mit dem Menschen, der anders denkt.

Mit dem Menschen, den wir vielleicht noch gar nicht kennen.

Vielleicht müssen wir nicht alle wieder einer Meinung sein.

Vielleicht müssen wir nur wieder lernen, einander auszuhalten, ohne einander aufzugeben.

Denn vielleicht ist das Menschliche nicht das, was wir gemeinsam denken.

Vielleicht ist das Menschliche das, was wir trotz unserer Unterschiede gemeinsam schaffen.

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